Schreibstube_von Annett_Christa_Werner

Alfred Schmitt fährt mit dem Fahrrad am schmalen Flussbett entlang, und nach und nach enthüllt sich die vermüllte Landschaft: umgekippte Eimer an der Biegung des Flusses, ein kaputter, unkrautüberwucherter Kinderwagen, ein Benzinfass, das eine trockene Zunge aus Rost herausgestreckt, der Kadaver eines Kühlschrankes in den Brombeersträuchern. Er bleibt stehen und betrachtet den Müll. Überall, wo es möglich ist, fährt er mit seiner Hatty hin. Seine Tage als Rentner will er noch genießen, denn Louise, seine Frau starb schon vor Jahren an Krebs. »So ein Unrat in dem wundervollen Fluss«, brummt er. Er setzt seinen Sherlock-Homes-Hut ab und stopplige graue Haare kommen zum Vorschein. Er wischt sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der zerfurchten Stirn.    »Was ist da rotes?«, sagt er. Alfred lehnt seine Hatty an einen Baum und steigt durch´-s Gestrüpp zum Fluss hinab. Plötzlich bleibt er stocksteif stehen.

Kommissar Horst Grimm wühlt in seinem Schreibtischcontainer. Mit seinen 52 Jahren, einer silbergrauen Haarpracht und leichtem Bauchansatz,dabei sportlich noch recht aktiv, arbeitet er seit über 25 Jahren als Kriminalbeamter. Verärgert kracht er den Schieber zu. Seit einigen Tagen wird ein Mädchen namens Maria vermisst. Eines Abends stand völlig aufgelöst und tränenüberströmt eine Frau bei ihm. Sie vermisst ihre 13 jährige Tochter, die nach dem Tanztraining nicht nach Hause gekommen war. Grimm hasst es, wenn Kinder verschwinden. Hinweise gab es bis jetzt nicht.

Plötzlich klingelt das Telefon. Mürrisch nimmt Grimm den Hörer in die Hand. »Polizei Radeberg, Kriminalabteilung, – Grimm am Apparat.« Er wartet einen Moment, bis am anderen Ende die Stimme eines älteren Herren aufgeregt sagt: »Ich muss eine Anzeige machen. Ich hab heute was gesehen, das mir Angst macht. Ich war am Fluss und da … Ich hab da was – es war furchtbar.«

»Moment, Moment«, sagt Grimm. »Reden Sie bitte langsam, – ich verstehe Sie kaum. Was hat Ihnen Angst gemacht?«

»Ich habe was Lebloses im Wasser liegen sehen«, sagt der Mann.

Grimm versucht, ruhig zu bleiben.

Der Mann beginnt zu stottern. »Einen – einen – toten – toten – Rehbock, – erschossen. – «

Grimm zieht seine Stirn in Falten. »Mein Herr, Sie sind falsch bei uns, – solche Fälle behandelt die Försterei. Dafür sind wir nicht zuständig.« Innerlich ärgert sich Grimm, weil ständig eine Person anruft und irgend was sagen will. Es klopft an der Tür seine Büros und Grimm schmeißt zornig den Hörer auf die Gabel.

»Herein«, Grimm dreht sich zur Tür.

Ein älterer Herr betritt den Raum. Er nimmt seinen Hut vom Kopf und schließt die Tür. Grimm zeigt auf den Stuhl neben sich. Er nimmt Platz und hält krampfhaft seinen Hut fest. Der Kommissar kennt solche Hüte. »Sherlock Homes«, denkt er. »Ich glaub, ich mag den Alten.

»Ich hab da was am Fluss gesehen, das könnte Sie vielleicht interessieren.«, sagt der Mann. »Ich bin mir sogar sicher.«

Kommissar Grimm betrachtet ihn genauer. »Wenn der Alte mir jetzt auch von dem Rehbock erzählen will, dann …«

»Was haben Sie gesehen«, fragt Grimm.

Ich fahre manchmal den Wasserlauf des Flusses entlang und wenn ich den ganzen Unrat sehe, – verstehe ich die Welt nicht. An einer Stelle aber liegt etwas, das vor Tagen nicht da war. Ich stand wie versteinert, als ich es betrachtete. Dann wollte ich mein Handy benutzen und die Polizei rufen, aber ich hatte es zu Hause vergessen. – Ich bin Herr Schmitt«, und reicht dem Kommissar seine große faltige, verschwitzte Hand.

Grimm würgt den dicken Klos im Hals herunter. »Herr Schmitt, was haben Sie denn am Fluss gesehen?«

»Der Fluss«, sagt er, »Müll, Unrat liegen dort. Heute habe ich was anderes gesehen. – Am Rand, in dem ganzen Müll, zwischen Schilf, leuchtete etwas Rotes. Ich kam näher und erkannte eine Jacke. Der Wind wehte durch die Halme, ich konnte dunkle, lange Haare erkennen und dann bemerkte ich eine Hand, so als würde sie nach oben greifen. Der Anblick war schrecklich.«

»Herr Schmitt, sind Sie ganz sicher, dass da eine Hand war?«, fragt Grimm.

»Ganz sicher«, sagt Schmitt in voller Überzeugung.

»Würden Sie mir die Stelle zeigen?«, fragt Grimm.

Mit einem tiefen Nicken stimmt der Alte zu.

Der Fluss plätschert vor sich hin, als Grimm und Schmitt den kleinen Weg am Ufer entlanggehen, bis zu der Stelle. »Herr Schmitt, bleiben Sie bitte hier, ich gehe allein ans Wasser.«

Ein kaputter, unkrautüberwucherter Kinderwagen, ein Benzinfass, das eine trockene Zunge aus Rost herausstreckt, der Kadaver eines Kühlschrankes in den Brombeersträuchern und dazwischen ein Mensch. Grimm schließt die Augen. »Der alte Schmitt hatte recht. Eine rote Jacke, dunkle Haare und eine Hand, die nach oben zeigt. Grimm treibt es Tränen in die Augen. Ob es Maria ist, kann er noch nicht sagen, aber es hat den Anschein.

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