Schreibstube_von Annett_Christa_Werner

Pieps: Erdnüsse
Pieps: Chips
Pieps: Tampons

Leonie zieht jeden Artikel über den Scanner der Kasse im Supermarkt. Ab und zu starrt sie nach unten und wartet auf das grelle rote Blitzen des Lasers. Eigentlich wollte sie den Job nicht. Jämmerlich, denkt sie. Der rubinrote Strahl könnte mich doch von hier wegbeamen. Das Wort einer Dame reißt sie aus ihren Gedanken. »Haben Sie vor, die auch noch zu scannen?«,
und zeigt auf die Dose Bohnen in Leonies Hand. Die Dame in einem hawaiianischen Strandkleid, dessen verblasstes Blütenmuster den schwabbligen Busen bedeckt, der halb hummerrot und halb engerlingweiß, ins Gesicht sticht. Statt was zu erwidern, zieht sie die Dose mit einem zuckersüßen Lächeln über das gläserne Feld. »Stimmt irgendetwas mit Ihnen nicht?«, fragt die Dame.
Wenn die wüsste, dass ich schon die ganze Nacht hier bin, mir die Augen zufallen, einen berstigen Hunger habe und dann kommt früh morgens so eine Frau und kauft solchen Rotz…
Plötzlich legt sich schlangenartig, mit rot lackierten Fingernägeln, eine dürre Hand auf ihre Schulter. Leonie weiß schon, wem sie gehört. Sie dreht sich zu Dori, der Chefin des Ladens am Pearl Beach in Plettenberg, Südafrika, um. Dori, mit ihrer übergroßen, rotgerahmten Sonnenbrille, den orange gefärbten Haaren und einem unmöglich, grausig geschminkten Durcheinander im Gesicht.
»Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir zu verraten, was Sie gerade tun?«
So beginnt Dori immer. Dazu einen leiernden Akzent. Keine Betonung, nur gedehnte Vokale. Leonie schenkt ihr ein bemühtes Lächeln.
»Sieht so aus, als würden Sie Ärger machen?«
»War nicht meine Absicht.«
»Sie wissen, dass ich Sie nur aus Gefälligkeit eingestellt habe.«
»Ich weiß. Sie erinnern mich regelmäßig daran.«
Dori schiebt ihre Brille auf die Haare. Ihre Augen verengen sich zu fleischigen Schlitzen. »Sie haben ein freches Mundwerk«, sagt sie so laut, dass die paar Kunden im Laden sie mit großen Augen anstarren.
»Ich habe es satt, Sie ständig zu ermahnen, wenn Sie träumen und bummeln. Ganz zu schweigen von dem ständigen Zuspätkommen.«
Leonie grinst Dori breit ins Gesicht.
»Ich hab genug. Verlassen Sie die Kasse.«
Wie Tentakeln bohren sich Doris´ spitze Krallen in Leonies Fleisch. »Aufstehen und raus. Ihren Gehaltscheck sende ich Ihnen zu – vielleicht!«

Leonie stürmt aus dem Laden und hält auf dem Parkplatz an. Die Brise vom Meer ist frisch. Der Morgen ist sonnig und klar. Die Luft führt den Geruch von Salzwasser und Fisch mit sich. Linien aus Sand wehen über den rissigen Asphalt des Parkplatzes. Ein paar Möwen zanken sich um ein paar Brotstücke. Sie schreien und kreischen siegestrunken – im Wettstreit – um die Brotkrusten. Es fühlt sich alles wie Erlösung an. Auch wenn ihr Vater den Job für sie wollte. Sie wird es ihm erklären müssen. Später.

(Author)
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