Schreibstube_von Annett_Christa_Werner

Pünktlich um 16.30 Uhr schließt Anton Fedderson seinen Schreibtisch ab. Er nimmt seine braune Aktentasche, in dem gewöhnlich Zeitung und Frühstücksbrot verstaut sind. Wie immer geht er kurz am Postfach vorbei. „Nichts Besonderes“, denkt er, bis ein kleiner blauer Umschlag auf den Boden fällt.
„So einen hab ich noch nie gehabt!“
Er dreht und wendet ihn.
„Soll ich das der Abteilung melden?“, fragt er sich. Fedderson ist unschlüssig und steckt ihn in seine Tasche. Die andere Post wirft er ins Fach zurück.
Der Pförtner in der Eingangshalle sagt: „Pünktlich wie immer, Herr Fedderson.“
„Stimmt genau“, antwortet er, hebt seine Hand und geht aus dem Bürogebäude.
In den drei Minuten, die er an der Haltestelle wartet, denkt er über den Brief nach. Er öffnet seine Tasche, greift hinein – da kommt auch schon der Bus.
„Schönen Abend“, sagt Fedderson.
„Soll aber noch regnen“, gibt Otermba zurück.
Der alte Busfahrer strahlt ihn, mit seinem braun gebrannten Gesicht an.
„Dabei hatten wir doch in letzter Zeit eine ganze Menge Regen“, antwortet Fedderson.
„Da haben Sie recht.“ Freundlich nickend geht Fedderson auf seinen gewohnten Platz.
Diesmal nimmt er nicht seine Zeitung, er stiert zum Fenster hinaus. Sein Gehirn verkrampft sich, bei dem Gedanken an den Brief. Die Ansage der Haltestelle reißt ihn aus seiner Träumerei.
Der gewohnte Weg, Goethe-Straße, dann links in die Nord-Alle und dann nochmals links in die Lindenstraße. Haus Nummer 22. Er bleibt stehen und weiß nicht, wie er dahin kam. Der Brief in seiner Tasche hatte an Gewicht zugenommen.
Gewöhnlich macht er sich etwas zu Essen, wenn er nach Hause kommt, dann wäscht er ab und schaut im Wohnzimmer fern. Heute nicht. Tief atmet Fedderson ein und aus. Jetzt kann ihn nichts mehr davon abhalten, diesen blauen Brief aus der Tasche zu ziehen und hineinzuschauen. Mit zitternden Fingern reißt er den Umschlag auf und zieht ein Blatt Papier heraus. – Es ist anders, als die Blätter, die er sonst bekommt. Es ist fest, hat Fasern, wie Leinen. Der Firmenkopf seines Unternehmens sticht ihm in die Augen. Schwer fällt er auf den Stuhl am Küchentisch. In dicken, fetten Buschstaben steht »Kündigung«. – Er schluckt, kann nicht weiterlesen. Das Blatt rutscht aus seiner Hand und fällt auf den Boden. Seit 25 Jahren ist er ein treuer und gehorsamer Mitarbeiter. Hat alles gemacht, was von ihm verlangt wurde. – Kündigung. – Er beugt sich und hebt sie auf.

Sehr geehrter Herr Fedderson,
leider müssen wir Ihnen, mit Bedauern mitteilen, dass wir Sie nicht weiter beschäftigen können.

Er krächzt, versucht den dicken Klumpen im Hals, der ihn zum Würgen bringt, herunter zu schlucken. Sein Magen rebelliert und das Essen nimmt den Weg nach oben. Dicke fette Brocken von Gemüse, Nudeln und Brot verteilen sich auf dem Küchenboden. Ein Schrei – wie ein wild gewordenes Tier – durchdringt den engen Raum. Hechelnd, weiter würgend, rennt er ins Bad und erbricht den Rest seiner Tagesmahlzeit. Wut und Frust steigt in ihm auf. Grau seine Gesichtsfarbe, als er über dem WC-Becken hängt. Eine Zeit lang sitzt er auf dem Boden und betrachtet die bunten Muster der Badfliesen. Fedderson versucht, klare Gedanken zu fassen. »Es ist nicht wahr, was die da schreiben. Ich bin schon so lange da. Was soll aus mir werden?« Eine Träne nach der anderen rinnt über sein Gesicht. – Zeiten, in denen er weinte, als seine geliebte Anna starb, sind Jahre her. Mühsam erhebt er sich. Wie ein alter Mann, in tief gebückter Haltung, schleppt er sich in die Küche zurück. Er sieht das Erbrochene, ignoriert es und setzt sich auf einen anderen Stuhl. Seit vielen Jahren hatte er kein Bedürfnis einen Schnaps zu trinken, doch heute ist es Zeit. Ruckartig springt er von seinem Stuhl, reißt eine Tür nach der anderen in der Wohnstube auf, bis er eine Flasche mit brauner Flüssigkeit sieht. Ein Glas, eine Flasche, oder mehr? Der erste Schluck feuert in seiner Kehle, der einen brennenden, beißenden Zustand hinterlässt. Er betrachtet das Bild seiner Frau in der Schrankwand, die ihn lächelnd anschaut. Fedderson reibt sich die Augen.
„Ach Anna, nehme mir das nicht krumm, aber ich weiß nicht, was ich tun soll?“
Auf eine Reaktion hoffend nippt er geduldig an der Flasche.
„Anna, ich könnte die Chefs in die Hölle schicken, auf den Mond schießen, umbringen, oder was anderes. So ich bin nicht.“
Er überlegt, den Blick gleitend über das süße Lächeln seiner Anna.
„Ich weiß, dass du viel zu früh gehen musstest. Die Firma habe ich schon lange satt. Ich hab es nur gemacht, weil … Ich weiß es selbst nicht. Ich wollt mit dir alt werden, mit dir noch viel erleben. Wir haben keine Kinder, weil der liebe Gott es nicht wollte. Ich bin so einsam.“ Gedanken über Gedanken kreisen in seinem Kopf. Er nimmt noch einen tiefen Schluck aus der Flasche.
„Anna, die müssen mir jetzt Geld geben, weil ich schon lange da bin. Wenn ich gehen muss, dann bekomme ich bestimmt eine Abfindung.- Weißt du was ich dann mache? – Ich kaufe mir ein Segelboot und fahre aufs Meer und lasse mir die frische Brise um die Nase wehen und ich werde große Fische mit einer Angel fangen. Ich bin es leid. Es wird Zeit das zu sein, was ich wirklich bin. Ich muss neue Wege gehen.“, setzt noch mal die Flasche an und wirft sie dann in der Küche in den Mülleimer.

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