Schreibstube_von Annett_Christa_Werner

Wenn ein Mensch sagt, dass er keine Probleme hat, dann hat er Probleme. Ich hatte Probleme. Es war Mitte Juli. Die Nacht war heiß, konnte kaum schlafen, wälzte mich im Bett hin und her. Das Ticken des Weckers nervte mich. Kurzerhand schaltete ich die Nachtleuchte an, holte mein Schreibzeug aus dem Schieber. Mit Bleistift kritzelte ich das Wort „Drogen“ aufs Papier. Was ich damit anfangen wollte: „unklar“? Ich brauchte Figuren. Die Nacht zog endlos hin. In den Morgenstunden nickte ich ein. Zerschlagen, gemartert wachte ich auf. Ich war zerknittert, wie das Stück Papier in der Bettdecke. Der Stift lag auf dem Boden.

Nach dieser grauenvollen Nacht lief ich in Socken durchs Haus, ordnete Bilder meiner Kinder, ging Wäsche waschen und rauchte auf der Terrasse. Nachmittags entschloss ich mich, in den Elbepark nach Dresden zu fahren. Unweit der A4. Von weitem winkte mir die Reklame entgegen.
Im Einkaufcenter holte ich mir beim Italiener Eis. Das wohl Leckerste in der Mall. Immer wenn ich hier bin, muss ich dort anhalten.
Auf einer Bank packte ich meine Tasche neben mich und leckte genüsslich an der Kugel Amaretto. Die wuchtige Palme schützte mich vor fremden Blicken. Ich wollte die Nacht sacken lassen, weil die Gedanken unklar waren. Die Richtung, der Faden, wohin die Handlung gehen soll, und was ich aussagen möchte. Ja, ich wusste, es sollte um Drogen gehen. Vielleicht eine Beziehung, die belastet ist! Ich schlug die Beine übereinander, beobachtete meine Umgebung. Ein Junge, ich schätzte ihn etwa 17 oder 18 Jahre, schlenkernd, armwedelnd ging an mir vorüber. Schwarze Haare, rechte Seite lang, linke Cut. Glatt rasiert, wie ein Babypo. Mein Eis begann zu tropfen. Flup, landete ein Teil auf meiner Hose. Ich wischte es von meinem Bein.
„Lass ihn nicht aus den Augen!“ Er zog mich mit seiner schlaksigen, stakenden Gangart in den Bann. Auf seinem Rücken trug er einen Rucksack. Dieser sah besser aus, als seine Hose, die speckig war. Braun und doch schäbig grau. Ich konnte es nicht definieren. „Verflucht, ich soll kein Urteil fällen, sondern mich auf das Wesentliche konzentrieren.“ Ich schaute ihm hinterher, bis er um die Ecke am H&M verschwand. „Schade“, brummte mein Hirn.

Menschen laufen an mir vorüber. Ich stapelte ihre Bilder im Kopf, um Sortierung bittend. Wie sie sich bewegten, ihre Garderobe elegant, lässig oder nur bunt zusammengewürfelt. Interessant, die Wortfetzen, über was Pärchen sich so unterhielten. Oft über belanglose Dinge: „Schau mal hier, das sieht schön aus.“, sagte sie. „Komm“, antwortete er und zog sie sanft am Arm zum nächsten Schaufenster. Andere intensiv ins Gespräch vertieft. Plötzlich stoppen sie, weil ein Kinderwagen im Weg stand. Ich hätte auf meiner Bank hüpfen können.

Eine kleine Lady, so will ich sie hier nennen, flog, wie ein Engel an mir vorüber. Elegant griff sie in ihr dunkles langes Haar, zog die Sonnenbrille vom Kopf und setzte sie sich auf die Nase. „Ist es eine Angewohnheit, oder doch eine Art, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren?“ Kurz schwang sie ihre Haarpracht nach hinten, es schwebte auf ihre Schultern herab. Sie schritt, ja glitt – an mir vorüber, – den Blick zum Ausgang gerichtet. Weiße Hemdbluse über schwarze Leggins und Sneakers an den Füßen, die Citybag in der Armbeuge. Zielstrebig steuerte sie auf die zweiflüglige Tür zu. Ich hielt kurz inne, vergaß das Eis, es tropfe auf den Boden, weil ich von ihrer Erscheinung fasziniert war. Dieser kurze Augenblick, traf mich wie ein Pfeil. Genau sie war die Person, die zu meiner Figur als Mädchen in meinem Buch passte. Zartes Wesen, anmutig im Gang, zerbrechlich und doch selbstbewusst. Sie passte in die Rolle, die ich ihr zuschreiben wollte, nein, aufdrückte.
Als ich nach außen trat, strömte mir heiße Luft entgegen. Hitze flimmerte über dem Asphalt des Parkplatzes. Fahrzeugen hupten. Ich hielt mir eine Hand über die Augen. Sie lief hüftschwingend in Richtung parkender Autos. Kurz, nur kurz, blieb sie stehen. Sie schien aufgeregt zu sein, da sie ihre Schultern durchdrückte. Suchte etwas, oder kam es mir nur so vor! Ein junger Mann, nicht älter als sie, trat auf sie zu. Flüchtig steifte sein Mund ihr Gesicht. Ich musterte ihn. Rötliche Haare, eine kräftige Statur und mittelgroß. Das, was er trug, wird in der Jugendsprache Bomberjacke genannt. Kurz überlegte ich! Könnte es der Junge sein, um den es einmal gehen soll? – doch, – er könnte es sein.
Ich nenne ihn Robert. »genannt Rob«.
„Wie könnte ich sie nennen?“ Josefin, – »Joe«.
Er nahm elegant, wie ein Gentleman, ihre Tasche und schlang seinen Arm um ihre Taille.
Eng umschlungen, aneinander gekettet, ein Auto rollte an ihnen vorbei. Er hielt sie schützend zurück. Ja, ich war mir sicher, dass diese beiden meine Figuren für mein Buch sein könnten. Ungern verließ ich den Platz, es trieb mich fort, denn ich hatte das, was für meine Geschichte wichtig war. Mit einem Lächeln ging ich zu meinem Auto. Ich fiel in den Fahrersitz und schloss die Augen.

Auf der Terrasse meines Hauses setzte ich mich auf meinen Lieblingsstuhl. Meine Hand fühlte sich wie Pudding an. Zitternd, wacklig – kritzelte ich Gedanken nieder. Ein Schatten legte sich aufs Papier, Resa stand hinter mir.
„Hallo Mama“, sagte sie.
Sekundenschnell drehte ich mich zu ihr um.
„Na Schatz. Alles gut. Ich holte tief Luft, mit der Hoffnung, dass sie es nicht bemerkte, wie ich mit meinen Gedanken kämpfte. Mein Kopf war eine tickende Maschine, die mit Aussetzern behaftet war. Ich schaltete auf Automatik.
„Ich möchte dir was erzählen -“, begann ich. „Ein neues Buch! Ich möchte wissen, was du davon hältst?“
„Was für ein Buch?“
Sie setzte sich, – drehte geruhsam eine Zigarette.
Ich erzählte von meiner Suche nach den Hauptfiguren meines Buches.

So beginnt die Geschichte.

Rumpelnd fährt das Auto meines Vaters übers Kopfsteinpflaster. Aus den Augenwinkeln beobachte ich eine Mauer, die am oberen Rand mit Stacheldraht versehen ist. Es kommt mir komisch vor, aber ich habe das Gefühl, als würde ich am Ende der Welt sein. „Nimmerland!“

Die ganze Zeit sagt mein Dad kein Wort. Stur blickt er nach vorn. Auf eine Straße, wo uns kein Auto entgegenkommt. Ich kann mir schon denken, warum er so ist. Aber eigentlich ist es mir scheißegal. Er muss nicht mit mir reden.

Es ist April. Im Frühling blühen doch Blumen, Tulpen, Narzissen, Schneeglöckchen. „Wie komme ich jetzt darauf?“ Doch es ist Winter. Ich sehe diese endlos lange Mauer, die nicht aufhören will. Irgendwann, ist sie doch zu Ende und dann…
»Sag was, Dad!«
Ich wünsche mir die Vergangenheit zurück. Nicht alles, aber die letzten Monate mit Joe. Ja, ich meine Joe. Sie ist das, was mich veränderte, und doch tat ich Dinge, die mich hierherbringen, wo ich niemals hin wollte.
Dad fährt in eine Kurve und lenkt das Fahrzeug auf einen Parkplatz, stellt den Motor ab. Er lehnt sich zurück und wartet.

Jugendstrafanstalt Bautzen

»Aussitzen, nein, nichts ist mit Aussitzen. Eher ein Warten auf das, was vielleicht kommt.« …

(Author)
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