Schreibstube_von Annett_Christa_Werner

Es ist Februar, kleine Flocken fallen vom Himmel, sie legen sich auf meinen Mantel, wie Staub. Als ich ins Auto steige, kommt mir die Idee, an einen Blumenladen anzuhalten, um ein Bund roter Tulpen zu kaufen. »Verdammt, will nach Hause zu Anna, in der Hoffnung, dass sie mir verzeiht. Ich habe sie zu oft allein gelassen, war ständig unterwegs und ließ sie mit ihren Sorgen allein. Das Gefühl, sie zu verstehen fiel mir schwer. Sie lief ständig zum Arzt und diese schreckliche Diagnose dann, als sie nach Hause kam.

Ich werde sie heute zum Abendessen ausführen. Egal ob mit, oder ohne Blumen. Gedanken an innige Zweisamkeit dängen sich mir auf. Es sind nur noch siebzig Kilometer auf der Autobahn, dann bin ich endlich bei ihr.

Einen Song nach dem anderen rassele ich im Auto runter, bis aus Flöckchen gewaltige Flocken werden. Der Scheibenwischer schafft kaum die dicke Pracht aus weißen Kristallen. Plötzlich sehe ich ein Fahrzeug vor mir, es scheint ein Audi zu sein, der in Schlängellinien fährt. Ich verlangsame mein Tempo von einhundertzwanzig Stundenkilometer auf achtzig. »So kann man nicht fahren!« Ich will überholen, doch das Fahrzeug schert aus. Es kommt mir unheimlich nah, sodass ich auf die Bremse trete und mich hinter ihn setze. Ich versuche es erneut und als wir die gleiche Höhe haben … »Da ist niemand, der das Auto fährt!« Schlagartig steige ich auf die Bremse und lasse mich wieder hinter den Audi zurückfallen. Das Einzige, was durch meinen Kopf geht, ist, das Fahrzeug zu stoppen. Schweiß tritt auf meine Stirn. »Oh, was tue ich hier?« Widerwillig schüttle ich den Kopf, dann setze ich zum erneuten Überholen an und presche vorbei. Der Blick tief in das andere Auto gerichtet. Waghalsig setze ich mich davor. Mein Puls schlägt einhundertachtzig. Ich bremse und bekomme von hinten einen harten Stoß. Schell nehme ich meinen Fuß vom Pedal und gebe wieder Gas. »Durchhalten schallt in meinem Kopf.« Erneut trete ich das Bremspedal und ein weiterer Schlag trifft mich. Immer öfter mache ich beides im Wechsel. Etwas Gas, dann Bremse, bis ich schließlich das Fahrzeug hinter mir in der Gewalt habe. Ab und zu fährt jemand an uns vorbei. Ich habe Angst. Wir beide kommen zum Stehen, das Fahrzeug hinter mir erstickt im eigenen Benzin. Wie im Wahn springe ich raus. Reiße den Gurt fast mit, nur um bei dem führerlosen Fahrzeug zu sein. Als ich die Tür des Audis öffne, sehe ich einen älteren Mann, der tief in sich zusammengekrümmt im Sitz hockt. Grau und bleich sieht er aus. Er atmet schwer.

»Hallo, hören Sie mich?« Nervös streiche ich mir über das Gesicht, raufe meine Haare. Schneeflocken hüllen mich ein. Dann berühre ich seinen Arm.

»Hallo, hören Sie mich?“ Ich schreie ihn an. Wieder Erwarten nickt er kurz. Nervös wie ich bin, krame ich nach dem Handy. Wie ein Blitz schlägt es in meinem Kopf ein. Es liegt im Auto. Ich sprinte zum Auto, zerre es aus der Halterung, drücke die Nummer der Feuerwehr und warte. »Ich kann nicht warten!« Renne zum anderen Auto zurück und knie mich vor dem Mann nieder. Es klingelt und dann, wie ein Wasserfall, beginne ich zu reden. »Ich weiß nicht genau, wo wir sind, aber da ist ein Mann im Auto auf der A 13, dem geht es verdammt schlecht. Ich habe sein Auto angehalten.« Der Mann am anderen Ende der Leitung stellt mir Fragen, die ich zu beantworten versuche.

Irgendwann höre ich Sirenen und sehe ein blaues Leuchten am Himmel, zwischen Schnee und Schneegestöber. Es ist kalt, matschig. Das Wort »Decken« klirrt wie Frost in meinem Hirn. Der Rettungswagen und die Feuerwehr treffen nach, für mich gefühlten Stunden, ein. Als ich auf die Uhr sehe, sind gerade mal 30 Minuten vergangen, seit ich die meine Firma verließ.

Immer wieder spreche ich den Mann an. Er scheint weit entfernt zu sein.

Mein Herz hämmert noch, als der Notarzt sich um den Mann kümmert. Wie ein wildes Tier, aufgescheucht durchs Adrenalin, laufe ich auf der Autobahn hin und her. Ziehe mir eine Zigarette nach der anderen durch meine Lunge. Warum ist der Mann allein? Hat er niemanden? Wieso fährt er auf der Autobahn? ›Ich verstehe das alles nicht! Von hinten werde ich plötzlich an der Schulter berührt. Ich fahre zusammen.

„Sie haben dem Mann das Leben gerettet. Herzanfall“, sagt der Arzt.

»Wissen Sie wohin er wollte?«

»Nein, kann ich nicht sagen, aber wir haben seine Angehörigen informiert und schaffen ihn ins Krankenhaus.«

Erleichterung macht sich in mir breit, aber wieder ein Abend, an dem ich zu spät nach Hause komme.

Es ist spät. Ich bin fertig mit mir und der Welt. Sonst stecke ich den Schlüssel in die Wohnungstür und schließe auf. An diesem Abend drücke ich die Klingel. Nach einer Weile öffnet sich die Tür und meine Anna, mit einem Tuch um den Kopf steht vor mir. Reumütig blicke ich in ihre rot unterlaufenen Augen.

Ich gehe in die Knie und senke den Kopf. »Anna«, beginne ich zu sprechen, ich habe gerade etwas Schlimmes erlebt. Hatte Zeit nachzudenken und … Anna, ich möchte dich ehren und lieben, in guten und in schlechten Zeiten. Möchtest du meine Frau werden?«

Fest kneife ich die Augen zusammen, bitte innig um ein Wort und warte. Meine Nerven sind am Ende, kann nicht mehr und doch habe ich so tiefe Gefühle, die ich selbst nicht beschreiben kann. Als ich den Kopf hebe, in ihre Augen schaue, die feucht von Tränen sind, sagt sie leise: „Möchtest du das?“ „Ja, möchte ich. Sag bitte ja!“ Kurz dreht sie ihren Blick zur Decke. Meine Augen treffen ihre. »Heißt das Ja.«

Ich nehme sie in meine Arme. »Verzeih mir. Ich hatte heute ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Ich muss es dir erzählen. Jetzt weiß ich, dass wir ganz stark sein müssen. Ich stehe dir zur Seite, bis alles gut ist. Bitte glaube mir! Wir schaffen es. Alles was kommt werden wir überwinden, damit wir alt werden können, auch mit deinem Krebs. Ich liebe dich. Bitte lass mich bei dir sein!«

(Author)
Keine Beschreibung. Bitte aktualisiere dein Profil.

Zeige alle Beiträge vonAnnett Ch. Werner

Leave Comments